Klaus Walter Coaching und Supervision

Ein Elo ist ein familienfreundlicher Hund …  Mit diesen Worten wurde uns unser kleiner Welpe beschrieben, als wir nach einer geeigneten Rasse suchten. Und die beiden Elos in unserer Verwandtschaft hatten diese Ankündigung eigentlich bestätigt. Speziell wegen dieser Eigenschaften, nämlich sanftem Wesen und eher ruhig, keinesfalls ein Rabauke, sollte diese Rasse gezüchtet worden sein. Später, als er dann bei uns war und seine wahre Seite zeigte, hatte Kristina noch im Internet recherchiert und folgende Beschreibung gefunden: „Der Elo ist eine Züchtung aus Eurasier, der liebevoll und konsequent erzogen werden muss, aus Bobtail, der eine harte Erziehung übelnimmt und Befehle sowieso nicht sofort erfüllt, aus Spitz, der Streicheleinheiten mag, sehr menschengebunden ist und viel Geduld und Einfühlungsvermögen neben der Konsequenz in der Erziehung braucht.“ Fasse ich das zusammen und übersetze es richtig, dann haben wir uns darauf eingelassen, mit einem echten Sensibelchen zusammenzuwohnen, bei dem man ein Mittelmaß an Strenge finden muss. Ein Hundchen, das nicht akzeptiert, wenn man mal alle Fünfe gerade sein lässt. Man muss aufmerksam seine Signale beachten, immer zur Verfügung stehen, mit einem Höchstmaß an Zuwendung. Und wir dürfen uns dabei nicht einbilden, dass der Kleine dann ein Einsehen mit uns hat, unsere Bitten zu erhören – jedenfalls nicht sofort. Als uns das klar wurde, habe ich das erste Mal mit dem Gedanken gespielt, ganz in den beruflichen Vorruhestand zu gehen und nur noch für den Hund da zu sein.  Neben all diesen Anforderungen entpuppt sich unser Welpe zudem als echter Betrüger. Er hatte sich bei den Züchtern noch als lahmer Gamma-Hund dargestellt, also als letzter der Rangfolge seiner Geschwister, gemütlich und vielleicht sogar etwas phlegmatisch. Damit hatte er unsere ganze Sympathie kassiert und uns bewogen, ihn mit nach Hause zu nehmen. Aber das war wohl reines Marketing, und nachdem die Zugehörigkeit finanziell erst einmal geregelt war, hatte er im neuen Heim angekommen, seine Maske abgelegt. Wir waren uns bald sicher, das ist kein Elo, sondern eher eine Kreuzung aus Krokodil und Rennmaus. Aufgrund seiner recht speziellen, lebhaften Eigenschaften galt unsere ganze Aufmerksamkeit erst einmal der Erhaltung unseres Wohnungsinventars und der Desinfektion kleinerer Zahnspuren an unseren Extremitäten, die uns allerdings aus reiner Sympathie und keinesfalls als Ausdruck von Aggression zugefügt wurden.  Als wir zum ersten Mal in der Welpenschule waren, hatte er dann alle anwesenden Welpen im Alter bis 14 Wochen im Spiel plattgemacht. Ich hatte vorher noch keinen Hund gesehen, der mit Gebiss und geschickter Körperdrehung so gekonnt Judo anwenden konnte. Inuh konnte es aus Naturbegabung und mit einem Mal wusste ich nicht mehr, warum wir diesen süßen kleinen Fratz noch mögen - oder habe ich mich gerade durch die Wortwahl und mein verschmitztes Grinsen verraten. Naja, am nächsten Tag sollte es wieder zu einer Hundeschule gehen – zu einer anderen, wo man uns bislang nicht kennt. Die Trainerinnen der ersten hatten ohnehin keinen so guten Eindruck auf uns gemacht. Zwei der Damen waren so übergewichtig, dass sie die Hunde zu ihren Füßen nicht mehr sehen konnten (kein Scheiß, echt wahr), und die dritte war eine waschechte Rasta-Frau, an deren Wade sich bei unserer Ankunft gerade ein Foxterrier verbissen hatte. Ihre Kolleginnen versuchten sie damit zu beruhigen, dass sie auf ihre gerade erhaltene Tetanus-Auffrischung hinwiesen. Nichts gegen Rastafari, aber Dreadlocks und der Biss in die Wade sprechen nicht unbedingt für ausgesprochene Kompetenz.  Okay, Inuh war nicht nur so ein überdrehter Welpe, wie gerade beschrieben. Nein, er hörte auch schon auf unsere höflich ausgesprochenen Bitten, vorausgesetzt, er hatte noch kein Frühstück und die ausgesetzte Belohnung für Wohlverhalten war eine besondere. Geflügelwurst war da erste Wahl, gefolgt von bestem Halbnassfutter. Wir durften uns der Illusion hingeben, dass daraus ein Lernen wird, aber ich hatte auch den Verdacht, dass der Bobtail immer wieder bei ihm durchschlägt, wenn die Wurst alle und der Hunger überwunden waren.    Erster Tag im Büro!  Gut, die Nacht vor seinem Amtsantritt war für mich jetzt nicht ganz so entspannt. Kurz vor Mitternacht war ich hochgeschreckt: Was ist, wenn er morgens seinen Haufen nicht macht?  Da kann ich doch später nicht aus dem Elterngespräch raus – gerade bei diesen schwierigen Eltern, die ich erwartete. Naja, eine dermaßen gestörte Nachtruhe hat auch etwas Gutes. Ich spürte nämlich mein Herz kräftig wummern, und das war ja eigentlich auch kein schlechtes Zeichen, dass es das schaffte. Etwas später fiel mir ein, dass die schwierigen Eltern erst am Mittwoch dran waren und morgen Vormittag nur Bürotag und darum gut disponierbar war. Pipipause etc. wäre also jederzeit gesichert. Das Spiel mit dem nächtlichen Aufschrecken wiederholte sich dennoch mehrfach bis zum Morgen, einschließlich der jeweils folgenden und vorübergehenden Erkenntnis, dass es nun wirklich nicht der Stresstag werden würde. „Kann das mein Unterbewusstsein nicht vernünftiger regeln?“, so dachte ich. Jedenfalls sieht Tiefschlaf anders aus. Und dann am Morgen die Erlösung: Inuh machte keinen Stress auf der Fahrt und schlief in seiner Hundebox. Am Arbeitsplatz, dem Stephansstift in Hannover angekommen, machten wir einen ersten Rundgang im nahen Stadtwald, der Eilenriede, und er löste sich, er löste sich, er löste sich, was bei Herrchen für die bereits erwähnte Erlösung sorgte. „Ach, kann die Eilenriede schön sein“, war mein Gedanke. Klar gab’s dann für den Kleinen gleich etwas zu futtern. Inuh fand das offensichtlich alles völlig normal. Mit gelegentlichem Gnabbeln hielt er Herrchen in den nächsten Stunden in Trainerlaune und vertrieb sich und mir die Langeweile. Zwischendurch konnte ich sogar etwas am PC tippen und musste nur aufpassen, dass ihm mein Bürostuhl nicht über die Füße rollte. Mann hatte das Kerlchen ein Vertrauen. Mittag nahte und der nächste Rundgang sollte starten, damit danach dann der Besuch im „Monte Collo“, meinem nahegelegenen Lieblingsrestaurant, nicht zu einem Desaster führen sollte. Inuh fand, es sei zu früh, um irgendwas gegen seine Darmträgheit zu tun. Der Gang bereitete ihm aber deutliche Freude, weil es galt, eine Reihe von Vögeln aufzuscheuchen – so viel zum fehlenden Jagdtrieb der Elos. Aber schneller als sein Vorgänger (Bingo) erkannte er, dass er ihnen nicht nachfliegen kann. Offensichtlich ging es ihm im Wesentlichen um das wundervolle Flattern, das er auslöste. Er jagte ja auch nicht wirklich, sondern machte nur ein bis zwei Sprünge auf die Vögel zu. Tja, gerne hätte ich ihm noch mehr Spaß gegönnt, aber mein Magen wollte jetzt gefüllt werden und Inuh wurde langsam misstrauisch wegen meiner wiederholten, vermeintlich entspannenden kleinen Runden auf dem Rasen, auf dem heute Morgen so wundervoll das Abführen gelungen war. „Was soll’s“, dachte ich. Der Wirt im Collo ist nett, verzeiht kleine Schwächen seiner Gäste und hat bestimmt auch einen Wischmopp.  Auf dem Weg zum Restaurant galt es, die Straße zu überqueren. Es zeigte sich, dass Inuh die Straßenverkehrsregeln begriffen hatte, die da lauten: Hunde haben immer Vorfahrt. Natürlich hatte ich ihn im festen Griff unter dem Arm geklemmt, aber er wäre gern hinuntergesprungen und hätte Mercedes, VW und Seat gerne einmal gezeigt, wo die Harke hängt. Meine freundliche Art, auf ihn entspannend einzuwirken, und noch viel mehr meine gut trainierten Arme behielten aber die Oberhand und die Straßenüberquerung war letztlich dann kein so großes Thema.  Die kleine Wiese auf der anderen Straßenseite fiel bei unserem kleinen Prinzen in die Kategorie „potenzielles Hundeklo“, und es war zu erkennen, wie er sich Mühe gab, Herrchen eine Freude zu machen (das Thema „Erlösung“ hatte ich ja schon behandelt). Da hatte Inuh aber die Rechnung ohne die Studentinnen der nahen Evangelischen Fachhochschule für Sozialpädagogik und die alten Damen des Eilenriedestiftes gemacht. Es war für mich interessant, zu verfolgen, wie sich in den höheren Lagen die Stimmen von jungen und alten Frauen wieder ähneln und wie wundervoll regressiv beide Altersgruppen angesichts eines kackfreudigen, niedlichen Welpen reagieren. „Ei, ist der niedlich“, „Tutsi, tutsi, „tutsi“, „Ja wo ist denn der Kleine?“ waren wiederholt in Gebrauch. Bei der letzten Bemerkung half ich gerne aus: „Etwa 50 Zentimeter vor ihrem rechten Fuß“, gab ich Auskunft. Gut, das brachte mir bei einer Dame im Jogging-Outfit keine Punkte ein, aber Inuh verschaffte es etwa zwei Minuten Pause, in der er sich noch einmal Gedanken über seinen Stuhlgang zu machen schien. Zwei Minuten reichen aber keinem Rüden, um diese Sache zur Vollendung zu bringen, und schon nahte die nächste begeisterte Dame, und ich stellte mir die Fragen: Warum immer Damen? Und warum in dieser Anzahl? Und warum immer ich? Ich war vor die Wahl gestellt, jetzt entweder noch einmal umzukehren und 30 Minuten Eilenriede nachzuschieben, weil dort eine deutlich höhere Verdünnung der hundebeisterten Damenwelt anzutreffen wäre, oder auf Inuhs Verschlussfestigkeit für die nächste Stunde zu vertrauen. Ich setzte auf Vertrauen und das wurde nicht enttäuscht. Sicherheitshalber hatte ich aber einen Platz auf dem Außengelände gewählt – von dort war der Rasen zur Notdurft mit zwei bis drei Schritten zu erreichen – und ich war auch bereit, einem womöglich aufziehenden Regen zu trotzen. Das Personal betrachtete etwas argwöhnisch, dass ich neben einer Kettenraucherin der einzige Gast dort draußen war, aber da ich schon länger im Monte Collo verkehrte, wurde mein seltsam anmutendes Verhalten freundlich akzeptiert. Klein-Elo wurde wahrgenommen und trug damit zur Akzeptanz bei. Gut, eine ausführliche Beschreibung des nun wieder auftretenden „Tutsi-Tutsi-wie-als-ist-er-den-was-ist-das-für-eine-Rasse“ etc., vorgetragen von vorbeigehenden Gäst*Innen des Lokals, schenke ich mir hier im Bericht. Jedenfalls war rasch klar: Ein Restaurant ist für Klein-Elo auch aus einer Blickhöhe von 30 Zentimetern interessant. Jedenfalls saß unser Kleiner fast 40 Minuten da und betrachtete angeregt, was um ihn herum so vor sich ging – ohne Murren und Geknuspere an meinen Händen oder Hosenbeinen. Stolz ist gar kein Ausdruck für das, was mich dabei ergriff. Unsere Nachbarin unter dem großen Sonnenschirm (zur Erinnerung: die starke Raucherin) gewann bei mir deutlich an Achtung, als sie dann freundlich bemerkte, was für ein ruhiger Hund das sei. Und ich habe Inuh nicht verraten.   Später half dann die Eilenriede wieder zur Entspannung und die nachmittägliche Therapiearbeit konnte beginnen.  Zusammenfassend kann ich als Psychotherapeut für die Behandlung von Patienten feststellen, dass die grundsätzliche Aufgabe des Therapeuten, nämlich letztlich überflüssig zu werden, von einem Welpen unkompliziert übernommen werden kann. Es ist erstaunlich, wie schnell sich bei meinen Patienten und noch mehr bei Patientinnen hängende Mundwinkel, traurige oder trotzige Augen durch ihn in lebendige, fröhliche und freundliche Gesichter verwandeln können. Und noch erstaunlicher: Es kam kein tutis-tusi-etc. sondern immer wieder die simple Frage: Darf ich ihn streicheln? Und danach wurde ich im Grunde nicht mehr benötigt. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, zunächst jedes potenzielle Gnabbelopfer auf das kommende Schmerzerlebnis hinzuweisen. Aber wenn ich meine Antwort mit einem einleitenden „Vorsicht“ begann, war alles schon zu spät. Inuh und Patient waren augenblicklich streichelnd, gnabbelnd, seufzend, zufrieden ineinander vertieft, nur unterbrochen von kurzen Schmerzlauten der Genabbelten. Gut, es gelang mir in jedem Fall mit einer nachgeschobenen Instruktion noch Einiges zu verbessern, aber ich hatte schon den Eindruck, dass meine Anweisungen lediglich durch eine wabernde Nebelwand an die jeweils ausgelassen spielende Gemeinschaft zu dringen schienen. Und unausgesprochen lag die Aussage in der Luft, dass ich damit irgendwie störe. Inuh hatte seinen ersten Tag als Hilfs-Therapeut also gut gemeistert. Inuh durfte also am nächsten Tag wieder mitkommen.   Das Team  Es war gut, dass das Betreuerteam der Jugendhilfe den Kleinen schon in unserem Garten bei einem Grill-Meeting kennengelernt hatte. Der Besprechungsraum war nämlich eng, und so ein kleiner Hund ist immer irgendwo zwischen den Füßen auf der Suche nach Schnürsenkeln, aber wo? Da ist es schon von Vorteil, wenn die Anwesenden entweder in den Tretminenfeldern Afghanistans gedient oder eine Ahnung von schmerzenden Hundefüßen einschließlich kläglichem Jaulen haben. Beides lässt einen die eigenen Füße vorsichtig aufsetzen und den Blick andächtig gen Boden richten. Mein Team war im Grunde voll von dienstlichen Informationen, die auszutauschen waren, und darum eigentlich mit dem Recht auf Aufmerksamkeit und inhaltlichen Austausch gekommen. Aber dennoch hatten sie Inuh immer im Blick und gaben ihm die Chance, schmerzfrei den einen oder anderen Senkel zu ziehen. Hochachtung vor diesen Pädagogen. Sogar das Anti-Gnabbel-Training klappte. Natürlich kamen die anderen Themen ein wenig zu kurz.   Ich gehe wieder ohne Hund aufs Klo.  Die Tage vergingen und irgendwann konnte ich erfreut feststellen: Ich gehe wieder ohne Hund aufs Klo. Viele Millionen Menschen werden jetzt denken: Das ist doch nichts Besonderes. Das mache ich doch jeden Tag. Da haben sie dann recht, wenn sie keinen Welpen haben. Mit Welpen ist das Leben aber anders. Es gibt Welpen, die sitzen nicht geduldig vor der Klotür, wenn sie ausgeschlossen wurden. Sondern sie versuchen sich nach Herrchen oder Frauchen durchzuarbeiten. Wer da nicht über eine stabile Vollholztür verfügt, sondern „nur“ über eine leichte Zimmertür mit Rahmen und dünner Beschichtung, der wird das Scharren ungern vernehmen und schon bald die Hundenase durchscheinen sehen, bis dann das ganze Hundchen freudig winselnd durchbricht. Oder der kleine Hund hat die Kraft des Wortes für sich entdeckt und nutzt ausgiebig die Varianten der Hundesprache, auf dass man ob des schauerlichen Jaulens oder anhaltenden Bellens auch nicht so recht loslassen kann, was ja dem Sinn des Toilettenganges widerspricht (schon wieder dieses Thema). Nun, Klein-Inuh hatte mir früh gezeigt, dass er bei kurzer Abwesenheit eher schmollte. Zunächst war er ganz selbstverständlich bei allem noch dabei und eben auch bei meinem Gang zum Klo. Das war für ihn interessant, weil er feststellen konnte, dass auch Herrchen sein Stinkerchen macht, und für mich war es etwas nervig, weil ich überzeugt war, dass er das auch aus einem Meter Entfernung machen könne und nicht mit der feuchten Nase an blanker Haut. Doch irgendwann erfasst mich der Mut. Ich hatte mir – natürlich im Laufschritt – aus der Küche im ersten Stock unseres Dienstgebäudes eine Tasse mit Kaffee und Milch geholt und Inuh hatte sich bei meiner Rückkehr in eine dunkle Ecke des Büros zurückgezogen. Als ich eintrat, zeigte er mir seine Rückseite. Es sah eindeutig nach Schmollen aus, und ich musste es wohl auch als Strafaktion gegen mich betrachten, dass er dabei meine Büro-Clogs mit seinen Zähnen bearbeitete. Jedenfalls war ich für ihn eine Weile nicht existent. Ich gebe zu, zuerst war ich ein wenig enttäuscht. Etwas mehr Anhänglichkeit hatte ich ja doch erwartet und mehr Anforderung an meine Trainerqualitäten. Aber dann war ich doch froh, dass mir die Lösung quasi zufiel, und so habe ich beschlossen, ihm seinen Trotz und meine alten Clogs zu lassen.    Er kann surfen  Der Begriff „Surfen“ wird heute nicht mehr nur für die von den Beach Boys (sie waren eine der ersten Boygroups der Popmusik) ausgegebene Parole genutzt. Die ältere Generation erinnert sich bestimmt noch an die wundervollen gesungenen Worte: „If everybody had an ocean, Across the U.S.A., Then everybody'd be surfin', Like Californi-a.“ Es geht heute nicht mehr nur um das Wellenreiten auf stürmischer See. Man surft irgendwie überall, auch im Internet.  Inuh nimmt also Anlauf. Ich habe es mal zurückverfolgt: Irgendwo im Garten, am äußersten Ende, ist sein Startpunkt - manchmal mit, manchmal ohne Gegenstand im Maul. Insbesondere seine „Kaubiene“, ein Plüschtier in der Form des Honigsammlers, darf ihn des Öfteren auf seinem nun folgenden Trip begleiten. Er nimmt in der Gegengeraden Fahrt auf bis zur ersten Kurve an unserem Carport, wirft sich um neunzig Grad herum, jumpt gekonnt auf die Küchenveranda, nimmt mit elegantem Schwung die Stufe am Eingang zum Haus, hat nun eine Geschwindigkeit, die sicherlich für die Überholspur der Autobahn reichen würde, und dann hebt er ab und völlig losgelöst von der Erde schwebt der Inuh schwerelohohohos, ist mit einem Satz auf seinem Hundewölkchen – in völliger Verkennung der Tatsachen auch Ruheplatz genannt – und surft mit diesem Teil durch das Wohnzimmer. Man muss das einfach Surfen nennen, so elegant wie er auf das Kissen aufspringt, sich sicher aufrecht hält und die Rutschpartie genießt, bis sie zu seinem Leidwesen an einem fahrlässig aufgestellten Möbel stoppt. Schaue ich zu, höre ich sie wieder, die Helden meiner Jugend: „I can´t get no satisfaction, but I try..   Besuch bei der Tierärztin Bevor man den Tierarzt oder die Tierärztin zu Gesicht bekommt, heißt es, die tierische Klientel im Wartezimmer zu bestehen. Hier beweist sich nachhaltig der Charakter eines Hundes und seiner Begleitung, und zwar in Abhängigkeit von der Anzahl hier wartender Tiere und Menschen. Der erfahrene Hundebesitzer kommt sehr früh oder sehr spät in die Sprechstunden. Zu diesen Zeiten ist die Praxis entweder noch nicht übervölkert und die Wartezeit gering, oder sie ist schon wieder recht leer. Hinter vorgehaltener Hand: Letzteres kann natürlich auch gegen die Qualität des Behandlers sprechen. Inuh und ich hatten uns für die frühe Variante entschieden, denn unsere Behandlerin ist eine gute und die Praxis darum bis zum Ende der Sprechzeit in aller Regel gut besucht. Leider stellte sich heraus, dass auch andere Kunden unsere Strategie gewählt hatten und wir darum nicht die Ersten waren. Kurz nach unserer Ankunft war das Wartezimmer bereits gut gefüllt mit 6 Hundchen und 7 Begleitpersonen. Gut, für die dänische Dogge streiche ich die Verniedlichungsform gleich wieder. Ich war noch der Meinung, dass es ein Vorteil sei, dass keine nervösen Katzen oder Beutekaninchen anwesend waren, aber die 6 Hunde schafften dann auch alleine genügend Chaos. Inuh und einen kleinen schwarzhaarigen Mischling muss ich davon aber ausnehmen. Der Mischlingshund startete aber außer Konkurrenz, denn er war entweder debil und narkotisiert oder einfach fantastisch erzogen. Jedenfalls saß er über die ganze Zeit ungerührt und stoisch in einer Ecke. Inuh tat es ihm nicht völlig gleich. Aber er saß oder lag die meiste Zeit zwischen meinen Beinen, verführt von gelegentlichen Brocken Geflügelwurst, die er für die jeweils korrekte Position verabreicht bekam. Damit war er genau genommen aber im Vorteil, weil die anderen ohne Verführung auskommen mussten. Die dänische Dogge bekam von ihrem Herrchen in unregelmäßigen Abständen den Befehl „Platz“ mitgeteilt, den sie offensichtlich für einige Sekundenbruchteile zu begreifen versuchte, bis sie sich wieder stehend und an der Leine zerrend den Artgenossen zuwandte. Zum Glück blieb sie dabei friedlich. Ein älterer Münsteraner war nervös und ängstlich mit nervösem und ängstlichen Frauchen in der Tür stehen geblieben, sodass jeder Fluchtweg verbaut war. Irgendwann hatte Frauchen aber eine Einsicht und ging mit ihrem Hund noch einmal vor die Tür. Ein struppiges Etwas tanzte derweil neben uns nach einer unhörbaren Melodie, nur begrenzt durch den Einzugsbereich der Leine, wobei das Frauchen mir berichtete, wie gut erzogen dieses swingende Bündel sei. Den Befehl zum Tanzen hatte ich wohl überhört. Für eine größere Verhaltensstudie war aber ein kleiner Mischling am besten geeignet, der einem Jack Russel nahekam. Herrchen war ein ausgesprochenes Kraftpaket, mit tätowierten, muskelbepackten Armen. Ein Handwerker, offensichtlich nur kurz seiner Arbeitsstelle entronnen, wie seine Berufskleidung signalisierte. Lediglich sein fast kindlich wirkendes Gesicht wollte zu seiner Erscheinung nicht passen. Zunächst saß der Mischling noch mit rausgestreckter Zunge aufmerksam in die Runde blickend, auf Handwerkers Knie. Dann war er dieser Position wohl überdrüssig und quengelte, bis er zu Boden gelassen wurde - ein eingespieltes Team eben.  Herrchen unterhielt sich mit den Anwesenden, verlor sein Hundchen aus dem Blick, das unter dem Stuhl austrat. Dieses entschlossene Heben des rechten Beines, das Rüden so an sich haben, hat ja tatsächlich etwas von Treten nur hat das Ziel eine andere Intention. Munter ließ es darum sein Bächlein dahinfließen, bis eine mittelalte Dame darauf aufmerksam wurde und Herrchen informierte. „O Gott“, rief der und informierte seinerseits dann die Zuschauer, dass Hundchen trotz seiner aufmunternden Mühen vorhin einfach nicht gemacht habe. Seine rötliche Gesichtsfarbe und seine Verlegenheit wiesen aber mehr auf eine peinliche Unterlassung hin. Als ich dabei das Hundchen betrachtete, hatte ich den Eindruck von einem Grinsen in seinem Gesicht. Herrchen musste sich von einer Helferin Klopapier und Desinfektionsspray geben lassen, um die Pfütze zu beseitigen. Es hatte schon etwas Rührendes, wie dieses tätowierte Muskelpaket vor uns auf die Knie ging und für uns Conan, die barbarische Raumpflegerin, gab. Aber die Aktion war ja noch nicht abgeschlossen. Herrchen nahm nach seiner Reinigungstätigkeit wieder Platz. Hundchen schlich an ihn heran. Sidekick, Bein gehoben und Herrchens Schuh zum Ziel genommen und wieder das gleiche Spiel und der Bach wollte wieder nicht enden. Es war erstaunlich, wie viel in so einen kleinen Kerl passte. Es war seinem Herrchen hoch anzurechnen, dass er trotz erkennbarer innerer Anspannung die äußere Ruhe behielt. Endlich war Hund fertig und Herrchen wieder mit Papier und Spray auf den Knien gelandet, als Hund zum letztendlichen Showdown ansetzte. Unbeachtet  hinter Herrchens gekrümmten Rücken, ahmte er dessen Haltung in Grundzügen nach und löste sich mit einem wundervollen Haufen. Die ältere Damen, die Momente später zu uns stieß, lies einen pikierten Blick in die Runde schweifen und bemerkte vorwurfsvoll: „Hier stinkts“. Ich prüfte mich kurz, hatte aber ein gutes Gewissen, denn ich hatte am Morgen geduscht. Den Abschluss des Besuchs in der Praxis bildete die Impfung durch unsere Tierärztin. Ich kenne die Situation noch von unserem früheren Hund. Vorn am Hund steht die Helferin oder der Hundebesitzer und tut gegenüber dem Vierbeiner so, als sei das jetzt eine ganz normale Situation, in der es für irgendwas ein Leckerli gibt. Steht vorn der Besitzer und ist der dabei aber nicht ganz entspannt, zum Beispiel weil er unter einer Spritzenphobie leidet oder aber beim Pikser eine hektische Reaktion seines Hundes erwartet, dann geht irgendwas immer schief. Der Hund schaut seinem unruhigen Herrchen oder seinem nervösen Frauchen tief in die Augen und versucht herauszufinden, woher diese Anspannung stammt. Je nachdem, welche Vorerfahrungen das Hundchen schon gemacht hat, sucht es sein Gegenüber zu trösten oder ist misstrauisch, weil jetzt sicher irgendwas Unerwartetes kommt. Und recht hat der Kleine. Eben noch zerschmilzt das leckere Leckerchen auf seiner Zunge, als in seinem Hinterteil der Schmerz zu lodern beginnt. Naja, so könnte es ablaufen, wenn es nicht gut läuft. Bei Inuh war das anders. Er war neugierig auf dem Behandlungstisch, empfand ihn für tolle Spiele aber eigentlich etwas zu eng. Das Leckerli schien ihn darüber hinwegzutrösten, und dass er eine Injektion bekam, muss er irgendwie verschlafen haben. Jedenfalls betrachtete er anschließend die drei entspannten Menschen um sich herum mit einem fragenden Blick, der ausdrücken mochte: „Wann geht hier endlich was los?“   Das Aufreiten  „Sheeva“ ist die schwarze Ridgeback-Hündin unserer Nachbarn. Sie ist ein richtig großes, edles Tier. Sie ist souverän, bewegt sich elegant und mit großer Spannkraft. Wäre sie ein Mensch unter Menschen, würde sie mit ihrer Erscheinung Respekt und Anerkennung hervorrufen. Sie hätte etwas Damenhaftes im positiven Sinne. Unter Hunden ist das aber anders. Wahre Anerkennung unter Hunden gibt es für den richtigen Duft und für Frechheit. Wäre dies unter Menschen gültig, würde ein Leben auf der Straße, das Schlafen unter Brücken und die seit Monaten nicht gewechselte Wäsche zu höchstem Ruhm führen und bei der nächsten Kommunalwahl die meisten Stimmen für den Stinker einbringen. Unter Hunden ist jedenfalls jener der Größte, dem es gelingt, sich ausgiebig in einem Kuhhaufen zu wälzen.  Wie ja schon aus der Welpenschule bekannt, übte sich Inuh auch bei anderen Gelegenheiten und bei jedem Hund, dem er habhaft werden konnte, in vermeintlicher Überlegenheit. Dabei war ihm die Größe seiner Kontrahenten oder Mitspieler völlig egal. Auch wenn Sheeva sicherlich mehr als das Vierfache an Inuhs Welpengewicht auf die Waage brachte und ihn um das Doppelte überragte, stand seine Übung und Devise fest: Ich muss aufreiten. Was für eine alberne Vorstellung. Als Herrchen steht man dann daneben und sieht den Übungen mit zunehmend peinlichem Gefühl zu. Das hat einfach nichts von Rodeo und Wildwest. Und ich wusste, dass seine größenwahnsinnigen Übungen aber auch rein gar nichts mit Fortpflanzungshormonen gemein hatten und darum auch nicht in den Diensten einer Kopulation standen. Aber irgendwie wirkte sein Verhalten doch wie das eines völlig unbeherrschten Triebtäters. Mich erinnerte das Ganze aber auch an jene Leutchen, die Luftgitarre spielen. Luftgitarre ist eine Tätigkeit, die Menschen an den Tag legen, die gerne E-Gitarre spielen würden, aber keine besitzen und auch nie eine Unterrichtsstunde genommen haben – peinlich eben. Inuh rüttelte mit seinem kleinen Hinterteil hilflos in der Luft, während Sheeva dort oben, weit über ihm, einen gleichgültigen Blick aufsetzte, mild zu lächeln und zu denken schien: „Einen Augenblick gebe ich dir noch, dann mache ich einen kleinen Schritt zur Seite“.   Männliche Hundeliebhaber  Über die Reaktionen der Damenwelt auf einen kleinen Hund hatte ich ja schon geschrieben. Es fehlt noch, etwas über die Männer zu sagen. Männer reagieren auf Welpen nämlich ganz anders. Ist ihnen die Regression auf frühere Entwicklungsstufen an sich schon zuwider und wird ein damit verbundenes Bedürfnis von Ihnen – na gut, auch von mir – in allerlei scheinbar Männliches und Erwachsenes kanalisiert, so werden sie sich bei einem Welpen nicht eine einzige kleine Blöße geben wollen. Mögen ihnen aufgrund einer inneren Rührung auch vielleicht ein wenig die Augen feucht werden, sie werden es als Einfluss von Staub oder kaltem Windzug ausgeben.  Den Männern, denen ich mit Inuh begegnete, kamen niemals irgendwelche Lautgeräusche oder seltsame Konsonanten über die Lippen (zur Erinnerung „Titsitutsitutsi“). Und Bemerkungen wie „Ach, ist der süß“, waren ihnen völlig fremd. Zumeist versuchten männliche Passanten, nur aus den Augenwinkeln auf ihn zu schauen oder eine gewisse Distanziertheit an den Tag zu legen. Jene, die dennoch weich wurden, beschränkten sich dann auf den Abruf klarer Fakten: „Wie viele Wochen? Wie groß wird er? Was steckt da drin? Kann man den ausbilden?“ Eventuell wurden noch Qualitätsvergleiche angestellt mit anderen Rassen, Vorzüge und Nachteile abgewogen. Männer im Alter von um die 30 Jahre fanden die Familienfreundlichkeit der Rasse interessant, insbesondere wenn sie jung verheiratet oder gerade Vater geworden waren. Aber gerade die jüngeren und auf ihren Shirts eindeutig Beschrifteten sahen den Mangel an Kampfbereitschaft gegenüber einem Mastino oder Pitbull doch als gravierend an. Gut, sie hatten Inuh auch nicht in der Welpenschule gesehen.  To be continued …