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Das Nichts Ein eindrucksvoller Duft von blühenden Magnolien hängt in der Luft und macht die Menschen in der kleinen Stadt beinahe betrunken. Der leichte Hauch vom warmen Wind hat ihn vom nahen Park hierher geweht. Heute ist der bisher schönste Frühlingstag im Mai dieses Jahres und die Sonne scheint verschwenderisch in Jekaterinville. Es ist ein urbanes Örtchen, mit gepflegten Häusern und regem Leben in den Straßen und auf den Plätzen, gelegen an einem großen, fischreichen See, auf dem an Tagen wie heute Segelboote ihre Bahnen ziehen und an dessen Strand die Kinder ausgelassen toben. Idyllisch ist es anzusehen, wie die kleine Stadt, malerisch eingerahmt, zwischen Bergen und gesunden Wäldern liegt. Wer seine Augen öffnet, der erkennt: Dies hier ist eine Welt, in der man gerne leben möchte, wenn man den Lärm der Großstadt meiden will und die Ruhe liebt. Doch der Autokrat in seiner ach so begrenzten Wirklichkeit hat dafür keinen Blick und riecht auch nicht die Blüten. Wichtig ist für ihn nur sein Auftritt, der eben erst beginnt. Auf diesem großen Platz in diesem Jekaterinville steht er auf einer weiten Bühne, hinter ihm aufgereiht viele Fahnen der Nation und vor ihm sehr viele Menschen, die sich versammelt haben, um ihn zu sehen und zu hören. Wieder einmal streut er seine aufpeitschenden Worte unter die Anwesenden und merkt, wie die Masse mitgeht, hört ihren Jubel an den kalkulierten Stellen. Alles scheint also wie immer für ihn und die Zeit vergeht. Doch ganz plötzlich ist dann alles anders. Inmitten eines rhetorischen Höhepunktes zerreißt ein lauter Knall das Gewohnte. Er spürt einen heftigen Schlag gegen seine Brust, und unmittelbar darauf folgt ein zweiter, jetzt gegen seinen Kopf, und reißt den Autokraten um. Den Aufschrei der Menge und den zweiten Schuss, das alles hört er schon gar nicht mehr. Es trifft zu spät auf seine Ohren, denn vorher wird es dunkel in seiner Wirklichkeit und das Nichts beginnt. Ein Nichts wird immer wieder sein, am Ende jedes Seins und auch davor, von Ewigkeit zu Ewigkeit, amen. Doch einzig wahr für dich ist, du kleine autokratische Menschenseele, nur deine beengte, kurze Wirklichkeit dazwischen. Mensch, du weißt doch eigentlich um das unendlich weite Universum, dass irgendjemand oder irgendwas geschaffen hat, mit der Milchstraße darin, als eine unter vielen Galaxien. Und du weißt auch um den hellen kleinen Stern, den du Sonne nennst, der einer unter vielen, unendlich vielen hellen Flecken in dem Sternenhaufen ist weniger als ein heißes Staubkorn in dieser Unendlichkeit. Und du weißt auch, dass du dort mit jenem kleinen Planeten in einer Laufbahn um den hellen Fleck „Sonne“ kreist. Du weißt, dass seine dünne Schicht von Odem gerade noch geeignet ist zum Atmen, um dich am Leben zu erhalten. Du weißt das alles, Mensch, und schaust doch so oft weg, nimmst dich selbst zu wichtig, zerstörst den dünnen Lebensraum, obwohl er doch der einzige ist, den du hast, nur weil du nicht begreifen willst. Warum ist es bei all deinem Wissen nur so schwer für dich, du kleiner Mensch und aufgeblähter Autokrat, so unendlich schwer, zu akzeptieren, dass du in diesem Universum unbedeutend bist? Glaubst du denn, dass es dich vernichten würde, wenn du dich trautest, der ganzen Dimensionen gewahr zu werden? Würdest du denn wirklich Schaden nehmen, wenn du bereit wärst, angesichts der einzig wirklichen Wahrheit demütig zu sein und Liebe für die Schöpfung zu empfinden? Wenn du doch nur die Stimme in dir suchtest, die dir sagt: „Habe Mut und schau wahrhaftig hin!“ Wenn du doch nur dieser Stimme folgen würdest, dann würdest du die Angst verlieren und im selben Augenblick würdest du verstehen, dass du gerade in dem Moment größer bist als jedes Universum, das dich umgibt. Denn nichts ist größer als deine Liebe, deine Demut und deine Erkenntnis. > Seitensprung zu einem späteren Kapitel < Teuflische Begegnungen Ein leiser Gong ertönt, das Licht geht an, wir sind zurück in jenem tristen Raum und finden hier den ehemaligen Präsidenten Robert Dullman, wie er am Boden liegt und sich nicht rührt. Er hatte sich im letzten Akt bis zur Erschöpfung in den Schlaf gewütet. Der Stuhl wurde von ihm bis ganz zum Schluss noch malträtiert. Jetzt steht er dort, wo er schon anfangs stand, ganz unschuldig und ohne jeden Schaden, und neben ihm ein kleines Tischchen, nett eingedeckt mit allem, was es zu einem guten Frühstück braucht. Porzellan mit Blümchenmuster steht bereit und sogar ein kleines Häkelmützchen krönt das gekochte Ei, auf das es warm bleibt. So friedlich wirkt der Schlaf von Robert Dullman, doch über viele Stunden hatten böse Träume ihn gequält, bis er zuletzt auch innerlich zur Ruhe kam. Doch horch, ein leises Ticken ist jetzt zu vernehmen, von einer Uhr, die mit ihrem gleichmäßigen Gang scheinbar verkündet: „Habt nur Geduld, er wird gleich aufgeweckt!“ Ein verborgenes Uhrenradio springt plötzlich an und darin singt ein Paar von Liebe und dergleichen. Der Refrain geht ins Ohr. „I got you Babe“ wird von den beiden Mann und Frau endlos wiederholt, was so viel heißt wie: „Ich habe dich, mein Baby.“ Aber schon nach der vierten Wiederholung erscheint er redundant. Man meint, dass es doch nun endlich alle wissen müssten. Und mittendrin in der verbalen Stagnation ertönt mit einem Mal ein überdrehter Sprecher, der verkündet: „Raus aus den Federn, heute ist Murmeltiertag!“ Kaum hat er das ausgerufen, endet abrupt die Übertragung und man atmet auf. Robert ist unterdessen durch diese Kakofonie aufgeschreckt und jetzt wach. Er kämpft sich hoch und streckt sich, richtet sich vollends auf. Die sonst kunstvoll gekämmte Tolle ist wild zerzaust. Er blickt sich um und merkt, die Sicht ist ihm noch immer eingeschränkt auf seinem linken Auge. Nun zaudert er einen Moment, lässt einen Seufzer hören, und man weiß, er hat verstanden: Er ist noch dort, wo er die letzten Stunden war. Doch wenn man ihn so sieht, ist eines erstaunlich: Er ist entspannt. Es scheint gerade so, als habe er sich abgefunden. Der Tisch samt Frühstück fällt in seinen Blick und Robert verspürt großen Hunger. „Was soll’s, eine Verweigerung hilft mir nicht und macht mich nur schwächer“, ist sein Gedanke, und er beschließt, zu nehmen, was sich bietet. Darum setzt er sich vorsichtig auf den vormals zerstörten Stuhl. Und weil die Prüfung zeigt, dass der ihn offensichtlich trägt, isst er gleich darauf mit gutem Appetit. Er lässt sich Zeit, nutzt sie zum Denken, und bei seinem letzten Bissen, im Kauen noch den Kopf gebeugt, stellt er mit lauter Stimme fest: „Es ist also bis jetzt nicht zu Ende.“ Dann richtet er sich auf, tupft mit der Serviette einen verirrten kleinen Rest Eigelb vom Kinn. Er gibt sich kühl und sicher, als er fragt: „Also, was willst du von mir?“, und schiebt dann ungeduldiger nach: „Kann ich jetzt endlich wissen, was hier eigentlich passiert? Was ist das für ein dummes Spiel?“ Die Antwort lässt nicht auf sich warten, aber die Stimme aus dem Off klingt sarkastisch und überlegen: „Ich dachte schon, du würdest niemals fragen.“ Draußen hört man gleich darauf seltsame Schritte nahen und Robert ist alarmiert. Es klingt für ihn nach lahmem Pferd mit einem Huf und nacktem Menschenfuß: „klack, platsch, klack, platsch“. Robert ist sich sicher, auch wenn das Geräusch seltsam anzuhören ist: Sein Gegner kommt gleich durch die Tür. Er ist sich ebenso gewiss, dass er durch jene Tür hinter der Barriere kommen müsse. Der Eingang ist doch für den Richter. Und eine Respektsperson mit dieser Funktion entspricht seinen Erwartungen in diesem Raum. Dann steht er auf und stellt sich an die Theke, die Hände demonstrativ vor seiner Brust gekreuzt. Und während er gespannt dort wartet, öffnet sich ganz ohne Laut das Tor in seinem Rücken. Eine feuerrote, hünenhafte Kreatur tritt ein, eine athletische Gestalt von fast drei Metern Größe. Was dort erscheint, ist ein fast nackter Mann, bekleidet nur mit einem Lendenschurz aus Leder. Ein schwarz gehörnter Ziegenkopf krönt seine Schultern, rechts steht er auf einem Ziegenfuß und links auf einem Menschenbein. In der rechten Hand hält er einen dreigezackten Speer. Rauch steigt von dem Ungeheuer auf und immer wieder, züngelt eine kleine Flamme auf seiner Haut. Gewaltig steht es da und betrachtet mit seinen gelben Ziegenaugen erst einmal stumm den Menschen. „Du hältst das alles für ein Spiel?“, sagt es schließlich. „Nun gut, dann nehmen wir mal an, dass es so ist. Du magst wohl solche Spiele, oder sollte ich mich irren?“
LESEPROBE: Roman von Klaus Walter
Autokraten sterben einsam